„Das reiche Deutschland gibt es nicht für jeden“ – Teil 2

Fortsetzung von Teil 1
Am nächsten Morgen streikten die Asylsuchenden aus fernen Ländern immer noch vor dem Asylheim gegenüber auf der anderen Straßenseite. Bei einstelligen Temperaturen hockten sie auf Holzkisten, in dicke Decken gehüllt und mit Mützen und Handschuhen ausgestattet in kleinen Gruppen vor der Erstaufnahmeeinrichtung. Sie wirkten mit ihrer Kleidung wie Arktisforscher und rieben sich ständig die behandschuhten Hände, um zu zeigen, wie kalt es ist. Viele sind nach der Nacht nicht mehr übrig. Bis zum Polizeieinsatz am gestrigen Tag waren dort um die 200 gröhlende Männer, es können auch mehr gewesen sein, da bin ich mir nicht so sicher, weniger auf keinen Fall. Da ich direkt gegenüber des Asylauffangs wohne, weiß ich, daß ein kleiner Streit dort binnen Minuten zu einem Tumult mit gewaltigen Dimensionen ausarten kann. In Windeseile solidarisieren sich die Insassen miteinander, wenn einer dazu aufruft und die anderen anstachelt. Die Polizei ist täglich dort zu sehen, meist mehrmals am Tag, meist mit einer Armada an Einsatzfahrzeugen.
Gerade eben klingelte es und einer der Protestler stand vor meiner Tür, um genau zu sein, waren es drei. Große, muskulöse Männer aus Afrika baten um eine Spende, um den Protest für besseres Essen fortsetzen zu können. Ich musste nicht sagen, dass ich nicht in der allerbesten Laune war, das sahen sie mir an meinem Blick an. Noch während ich abwägte, was ich den Dreien mit auf den Weg geben könnte, klingelten zwei direkt bei den Nachbarn im Flur des Mehrfamilienhauses. Ich wurde Zeuge, wie eine ältere Dame die Afrikaner beinahe euphorisch willkommen hieß und sie sogleich in die Wohnung eilte und ihre Geldbörse holte. Sie gab 20,- Euro und verschwand mit einem strahlenden Lächeln wieder hinter der Tür. Vermutlich sah sie jetzt fern. Sie sah ständig fern, wie es fast alle taten. Auch die andere Nachbarin schien sich zu freuen und zückte ebenfalls ihr Portemonnaie und verschwand danach wieder in ihrer Wohnung, in der überall Katzenbilder an der Wand hingen und aus der es nach Katze roch. In der Zwischenzeit hatte ich die Hosentaschen herausgezogen und dem Mann vor mir gezeigt, daß ich kein Geld hatte, was ich ihm hätte geben können. Er schaute mich suspekt an und machte nicht den Anschein, daß er mir glaubte. Er spähte an mir vorbei in die Wohnung und so langsam kam ihm wohl die Erkenntnis, dass hier nichts zu holen war. „Du Deutsch?“ fragte er, woraufhin ich bejahend nickte. „Du scheiße wohnen.“ Ehe ich reagieren konnte, pfiff er einmal durch die Zähne und trabte mit seinen beiden Kollegen eine Etage aufwärts. Ich schloss die Tür und musste spontan lächeln. Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, daß Afrikaner meine Wohnsituation irgendwann für unangemessen halten, hätte ich herzhaft gelacht und hätte das vermutlich für ausgeschlossen gehalten, daß so etwas passiert.
Mein Leben war nicht immer so und es ist noch gar nicht lange her, als die Welt noch völlig in Ordnung erschien. Ich hatte einen gut bezahlten Job in einer Druckerei, die sogar mit einem Betriebsrat ausgestattet war. Wir hatten viele Aufträge und haben oft bis spät in die Nacht gearbeitet und haben am Tag darauf früh begonnen. Dann kam die erste Ansage der Konzernleitung: Ein Großkunde verlässt uns. Daraufhin wurden die ersten Kündigungen verschickt. Abhängig von der sozialen Lage wurden die Leute dann ausgewählt und gekündigt. Die Chance, den Arbeitsplatz zu verlieren, wenn man ledig war, keine Kinder hatte und nicht gerade ein Haus gekauft hatte, stiegen mit jedem Tag. Wenige Wochen später wurde uns mitgeteilt, dass Teile der Produktion ausgelagert werden, nach Polen, in die Türkei, Bulgarien und andere Billigländer sogar nach Thailand. Wer bis dahin Glück gehabt hatte, nicht gekündigt zu werden, erhielt spätestens jetzt die Kündigung, auch ich gehörte dazu. Damals sah ich das noch relativ gelassen. Ich wusste, dass ich eine Ausbildung hatte, die manche als gekringeltes Maiglöckchen bezeichnen würden. Ich war daher nicht überrascht, daß ich schnell einen neuen Job fand, der mir auch sehr gefiel und in den ich wieder viel Zeit investierte. Doch dann kam ein Tag im August 2013, der alles veränderte.
Es war damals ein heißer Sommertag. Viele meiner Kollegen hatten den Tag verkürzt und waren eher nach Hause gefahren. Ich hingegen blieb zwei Stunden länger, wie so oft und widmete mich dringlichen Aufträgen. Als ich dann mit dem Rad nach Hause fuhr, passierte es. Ich stand an einer roten Ampel und erhielt plötzlich wie aus dem Nichts einen Tritt in den Rücken. Ehe ich mich versah, kippte ich samt Fahrrad zur Seite und stürzte zu Boden. Plötzlich waren Tritte und Fäuste überall. Um mich herum standen mehrere Männer, die auf mich einschlugen und – traten. Sie schrien mich in einer fremden Sprache an und prügelten eine gefühlte Ewigkeit weiter. Ich lag am Boden und hatte keine Chance, aufzustehen, ich riss die Hände hoch und schützte nur noch mein Gesicht. Ich sah schemenhaft Menschen auf der Straße, die einfach weiterfuhren und nicht reagierten. Vielleicht gingen sie davon aus, daß ich die Angreifer kannte und es sich um einen Streit unter Freunden handelte. Ich weiß nicht, was sie dachten, als sie weiterfuhren. Ich weiß nur, daß niemand half, obwohl viele da waren, die hätten helfen können.
Ich hoffte, daß jemand eingriff, da ich mich am Boden liegend nicht mehr wehren konnte, doch es passierte nichts. Der Angriff stoppte dann so abrupt, wie er begonnen hatte. Die Angreifer rannten irgendwann los, sprangen in einen silbernen Mercedes und brausten davon. Ich merkte mir das Kennzeichen, dann wurde mir schwarz vor den Augen und ich wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Da ich davon berichtete, überfallen worden zu sein, wurde die Polizei informiert. Beamte erschienen im Hospital und schrieben auf, was geschehen war. Das Kennzeichen der Angreifer wurde notiert und ich erhielt die Information, daß sich alsbald jemand bei mir meldet. Ich sah aus, als hätte mich ein Bus gestreift, überall blau, rot und grün, Beulen, Kratzer und ich erinnere mich noch gut an den Satz des behandelnden Arztes, der an dem Abend sagte: „Da haben sie aber Glück gehabt, das hätte auch ganz anders ausgehen können. Sie können froh sein, daß kein Messer im Spiel war.“ Drei Wochen blieb ich wegen dem Angriff im Krankenhaus.
An den folgenden drei Tagen erhielt ich täglich einen Besuch von der Polizei. Dreimal versicherten sich die Beamten, daß sie das Kennzeichen richtig notiert hatten, was ich mir gemerkt hatte. Mit der Gewissheit, daß die Täter alsbald Gerechtigkeit erfahren würden, ging es mir schnell besser. Als ich wieder zuhause war, türmte sich die Post im Flur. Mit dabei war meine Kündigung, obwohl Kündigen während einer Krankmeldung in Deutschland gar nicht möglich sein sollte. Der Inhaber der Firma hatte sich jedoch so sehr darüber geärgert, daß ich drei Wochen nicht arbeiten konnte, daß er es einfach tat und mich vor die Tür setzte. Ich hätte dagegen klagen können, eine Rechtsschutzversicherung hatte ich zu der Zeit, doch kam es mir gar nicht in den Sinn, wie schwierig es werden könnte, einen neuen Job zu finden.
Dann kam drei Monate später der Brief der Polizeibehörde, dessen Wortlaut ich bis heute nicht vergessen habe: „Die Anzeige wird nicht weiter bearbeitet, da es sich bei den Tatverdächtigen um Mitglieder von arabischen Großfamilien aus Marokko handelt und mit Racheakten gegen meine Person zu rechnen wäre. Die Anzeige wird eingestellt.“ Die Schläger kamen so davon.
Das war der Tag, an dem ich den Glauben an die Justiz verlor. Wie ich später erfuhr, ging es nicht nur mir so. Auch bei anderen Opfern wurden die Verfahren genau aus diesem Grund eingestellt. Damals dachte ich, das wäre ein Einzelfall, doch ich sollte mich irren.
Heute weiß ich, daß es viele ähnliche Fälle gibt, wo die Anzeigen gar nicht erst bearbeitet sondern eingestellt werden, um die Opfer vor nachträglichen Racheakten durch zumeist arabische Großfamilien zu schützen. Auf Gerechtigkeit wartete ich vergebens. Wir, die zu Opfern wurden, erhalten auch keine Hilfe oder Traumatherapien. Wir sind völlig auf uns alleine gestellt und müssen lernen, wieder neu zu leben.
Es klingelte gerade schon wieder an der Tür. Durch den Türspion sah ich wieder zwei Männer vor der Tür stehen, vermutlich Schwarzafrikaner. Ich nehme an, sie machen eine zweite Sammelrunde. Ich überlege, ob ich die Tür öffnen soll.

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