CDU-Parteitag: Der Showdown

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Tag der Entscheidung. Lauwarmer Dezemberwind bläst Tumbleweed über die Freifläche vor den Hamburger Messehallen. Friedrich „Quickfinger“ Merz steht mit tief in die Stirn gezogenem Hut hochkonzentriert und breitbeinig auf dem Beton, die Hände über den beiden Colts in seinem Cowboygürtel, emotionslos seine beiden Gegner im Blick. Annegret „Miss Little“ Kramp-Karrenbauer zieht fast unmerklich eine Augenbraue hinter ihrer Westernbrille nach oben. Womit wird sie schießen? Sie hat drei Colts in ihrem Cowgirlgürtel stecken, um die strukturelle Benachteiligung auszugleichen, der sie als Cowgirl ausgesetzt ist. Jens „Lucky“ Spahn hat noch in jedem Dreier-Showdown neben seine Peacemaker gegriffen. Heute hat er die Colts zuhause vergessen. Stattdessen hängen ihm links und rechts weiße Taschentücher aus den Hosentaschen. Im Hintergrund drückt ein Mundharmonikaspieler auf den Nerv. Es ist CDU-Parteitag in Hamburg.

Wer die vergangenen Tage nach Schlagzeilen über Jens Spahn Ausschau hielt, der spähte vergeblich. Jens Spahn scheint beim Kampf um den CDU-Parteivorsitz bereits ausgeschieden zu sein. Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz.
Friedrich Merz ist der Favorit des alten Parteifuchses Wolfgang Schäuble. Auf Annegret Kramp-Karrenbauer ruhen die Hoffnungen der Herz-Jesu-Sozialisten um das Urgestein Norbert Blüm. Es wabert das Gerücht durch die Messehallen, Wolfgang Schäuble folge einer persönlichen Geheimagenda, die ihn gegen Ende seiner Politikerlaufbahn noch als Interimskanzler an die Macht bringen soll. Das Gerücht klingt plausibel, denn allen Delegierten ist klar, was passieren wird, wenn Miss Little Kramp-Karrenbauer das Duell gewinnt. Die enttäuschten Anhänger von Friedrich „Quickfinger“ Merz werden sich mit „Miss Little“ nicht abfinden, sondern den Aufstand proben. Denn mit Annegret Kramp-Karrenbauer wird es keine Kursänderung geben. Sie steht für eine Fortsetzung des Merkel-Kurses. Nicht umsonst hat sie einen neuen Spitznamen erhalten: Mini-Merkel. Dieser Aufstand wird die Partei so sehr spalten, daß Angela Merkel noch 2019 ihre Kanzlerschaft aufgibt, so das Gerücht über Schäubles persönliche Geheimagenda. Bis zur nächsten Bundestagswahl würde Wolfgang Schäuble sie ersetzen.
Allerdings ist auch so viel klar: Der Wunschpartner des kleineren Koalitionspartners in der Regierung ist Friedrich Merz nicht. Die SPD steht eher auf der Seite des Blümflügels. Aber sie darf bei einem CDU-Parteitag nicht mitwählen. Die Lage ist verzwickt. Dem langen Sauerländer Merz wird nachgesagt, er werde den Koalitionspartner „foltern“ bis die GroKo vorzeitig auseinanderbricht. Dann käme es zu Neuwahlen, an deren Ende eine Koalitionsbildung aus Union und Grünen stünde. Die SPD wäre draußen. Eine Koalition mit den Grünen aber würde bedeuten, daß der Nutzen dahin wäre, welcher einem Parteivorsitzenden Merz unterstellt wird. Eigentlich soll Merz die Union wieder von links nach rechts rücken, um von der AfD diejenigen der enttäuschten Unionswähler zurückzuholen, die bereits zu den Blauen abgewandert sind. Ob ihm das nach Neuwahlen mit den Grünen als Koalitionspartner in dem Umfang gelingen wird, daß es der Wähler bemerkt, scheint mehr als fraglich.
Im Falle eines Sieges von Annegret Kramp-Karrenbauer sind die Chancen auf einen Fortbestand der jetzigen GroKo viel größer. Auch ist es sehr viel unwahrscheinlicher, daß Angela Merkel die Kanzlerschaft vor dem Ende der Legislaturperiode aufgibt. Mit Kramp-Karrenbauer an der Spitze wird die herbeigesehnte Schwächung der AfD aber ganz sicher ausbleiben. Mit Friedrich Merz können sich die Delgierten wenigstens eine theoretische Chance ausrechnen und so die Illusion aufrecht erhalten.

Die Parteigranden
Die Präferenzen der Großfunktionäre in der CDU sind bekannt. Nachdem Schäubles Favorisierung des Kandidaten Merz öffentlich geworden war, fühlten sie sich veranlasst, mit ihren Vorlieben herauszurücken. Kanzleramtsminister Altmaier ist für die Schulzbezwingerin Kramp-Karrenbauer. EU-Kommissar Oettinger favorisiert Friedrich Merz. Oettinger ist Mitglied des sogenannten Andenpakts, einem Merkel-kritischen Männerbund in der CDU, dem auch Merz angehört. Ihm ist zu verdanken, dass Merkel im Jahre 2002 als Kanzlerkandidatin noch verhindert werden konnte.
Dass Jens Spahn sich selbst favorisiert, ist ohnehin klar. Aber er ist chancenlos. Spahn ist als besonders lauter Merkel-Kritiker aufgefallen und die Logik hinter seinen kontroversen Äußerungen etwa zur Flüchtlingspolitik oder Hartz IV begreifen die Wenigsten. Sein Krawallkurs schreckt Viele ab, die sich eine vermittelnde Person an der Spitze wünschen.
Das weiß auch Friedrich Merz, der natürlich ebenfalls sich selbst favorisiert. Deshalb wird er nicht müde, die ihm unterstellte, grabenvertiefende Funktion in der Union zu bestreiten. Er wird nicht müde, zu versichern, dass er mit Kanzlerin Merkel vertrauensvoll zusammenzuarbeiten gedenkt und dass ihm viel darin liegt, die aktuelle GroKo zu erfolgreicher Regierungsarbeit anzuleiten. Allerdings hat er damit zu kämpfen, dass allzu Viele seine diesbezüglichen Worte als strategische Notwendigkeit zur Erringung des Parteivorsitzes durchschaut haben. Ernsthaft nimmt ihm das kaum jemand ab.
Sollte es allerdings zu einer Stichwahl zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz kommen, gilt als gesichert, dass der chancenlose Spahn dem Häuflein der Seinen die Wahl von Friedrich Merz nahelegen wird. Spahn hatte sich in der Vergangenheit in diese Richtung geäußert.
Die Vorsitzende der Frauen-Union, Anette Widmann-Mauz, steht natürlich hinter Annegret Kramp-Karrenbauer. Sachpolitik spielt dabei naturgemäß keine Rolle, Geschlecht ist alles. Bei Ingeborg Gräßle von der württembergischen Frauen-Union ist es kein Stück anders. Friedrich Merz kann von Glück reden, dass die Frauen in der Partei noch nicht den Prozentsatz haben, ab dem jeder männliche Kandidat chancenlos wäre. Frauen favorisieren fast immer Frauen. Zusammen mit den Männern, die dann ebenfalls eine Kandidatin präferieren, würden sie für alle Zeiten die Wahl männlicher Kandidaten verhindern.
Karl-Josef Laumann, Chef des CDA, des Arbeitnehmerflügels in der CDU, ist ebenfalls für die Saarländerin, was nicht überrascht, da der CDA dem Blümflügel zuzurechnen ist. Außerdem ist Kramp-Karrenbauer dort MitgliedIn. Der Vorsitzende der kommunalpolitischen Vereinigung in der CDU, Christian Haase, ist ebenfalls ein Kramp-Karrenbauer-Unterstützer.
Die Ex-Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth favorisiert hingegen Friedrich Merz, was sehr ungewöhnlich ist für eine Frau. Begründung: Sie kenne Merz schon lange und unter seiner Führung könne die CDU wieder zur Großstadtpartei werden.

Der Wähler
Der Bürger als Wähler hat natürlich bei einem Parteitag nichts zu melden, aber es ist natürlich von gewissem Interesse, wie das Volk die Chancenverteilung sieht. Infratest fragte 1002 von ihnen. Das Ergebnis: Spahn ca. 13 Prozent, Merz ca. 30 Prozent, Kramp-Karrenbauer ca. 45 Prozent. Man wird im Laufe des Tages sehen, inwieweit Bürger und Parteitagsdelegierte übereinstimmen.
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