Eine Nachwuchsärztin über ihre Arbeit im Krankenhaus: „Am meisten leidet der Patient“

Links: "Fares PJ"-Protest / Rechts: Eine Ärztin mit Burn-outWas läuft schief in der Ärzteausbildung? Nach Meinung von Medizinstudenten sehr viel – deshalb gehen sie für ein „faires Praxisjahr“ auf die Straße

Hendrik Holdmann
Redakteur Social Media
Mit gerade einmal 25 Jahren ist Maria (Name von der Redaktion geändert) fast fertig mit ihrer Ausbildung zur Ärztin. Das anstrengende Medizinstudium ist nach 14 Semestern fast abgeschlossen, sie muss „nur“ noch ihr Praxisjahr (PJ) abschließen. Schon bald soll die Berlinern eigenverantwortlich am Patienten arbeiten. Doch freuen kann sich die 25-Jährige darüber nicht. Sie fühlt sich nicht bereit und vor allem schlecht ausgebildet. Im NEON-Gespräch prangert die Medizinstudentin, die anonym bleiben möchte, die katastrophalen Zustände in der Ärzteausbildung an. Was sie berichtet, sollte uns alle beunruhigen – früher oder später sind wir auch Patienten.
Am 16. Januar 2019 war es so weit. Deutschlandweit gingen fast 8000 angehende Mediziner auf die Straße, um für ein faires Praxisjahr zu demonstrieren. Transparente mit Aufschriften wie „Ausbildung statt Ausbeutung“ oder „Krank im OP. Anscheinend OK?!“ waren zu sehen, Reden wurden gehalten und die versammelten Medizinstudentin protestierten lautstark. Es geht den Nachwuchsärzten um bessere Arbeitsbedingungen – vor allem um eine angemessene Entlohnung. Auch Maria war für die Proteste mit auf der Straße.
In der letzten ihrer drei Stationen im Praxisjahr arbeitet sie gerade in der Chirurgie. Planmäßig wird es ab Juni ernst für sie. Dann nämlich ist ihre Ausbildung beendet. Dann ist sie endlich Ärztin. Endlich, weil das Praxisjahr für sie die reinste Qual ist. „Das fängt mit ganz praktischen Problemen an – zum Beispiel, dass ich als PJlerin im Krankenhaus keinen eigenen Spind bekomme. Ich muss mich also irgendwo vor Ort umziehen, behalte sowohl mein Handy und auch mein Portemonnaie bei mir am Körper – auch auf Station.“ Besonders hygienisch sei das nicht, erklärt die Berlinerin.

60-Stunden-Wochen ohne Bezahlung sind nicht ungewöhnlich
Einer von Marias Hauptkritikpunkten, das wird im Gespräch schnell klar, ist die Vergütung des Praxisjahres. So arbeite man auf dem Papier 40 Stunden pro Woche. In der Realität sei sie häufig aber bis zu zwölf Stunden in der Klinik. Eine 60-Stunden-Woche sei nicht ungewöhnlich. Geld bekommt sie für ihre Arbeit nicht. Keinen Cent. „Es gibt kein Kindergeld mehr. Deine Krankenkasse wird auch nicht gezahlt“, beklagt Maria. „Manche Studenten haben das Glück, dass sie Eltern haben, die sie unterstützen.“ Ist das nicht der Fall, machen PJler nicht selten noch zusätzliche Nebenjobs, um Geld zum (Über-)Leben zu haben. Auch Maria hat Kommilitonen, die nach der Arbeit im Krankenhaus noch einige Stunden kellnern, dann nach Hause fahren, um noch vier bis fünf Stunden zu schlafen. Am nächsten Tag stehen die unausgeschlafenen Nachwuchsärzte dann wieder vor kranken Patienten. Maria selbst hat Glück im Unglück. Ihre Eltern unterstützen sie. „Sonst würde es nicht gehen“, sagt die Berlinerin. Außerdem hat sie noch einen Nebenjob, den sie flexibel am Abend nach der Arbeit ausüben kann.

Was sind die Folgen dieser Belastungen? „Wenn man nicht konzentriert ist, können schon eigentlich leichte Aufgaben wie Blut abnehmen schiefgehen“, sagt die 25-Jährige. Ebenso groß sei das Problem, dass wichtige Patienten-Informationen verloren gingen. Fehlende Konzentration führe dazu, dass Informationen über den Patienten innerhalb des Krankenhauses nicht ordentlich weitergegeben werden. Am meisten leide der Patient. Das sei einerseits für die Genesung der Kranken schlecht. Andererseits sei das auch ein ökonomisches Problem. Denn doppelte Behandlungen sind unnötig und kosten viel Geld.
Auch im Privaten leiden Nachwuchsärzte unter enormen Druck. Wer kann nach einem 12-Stunden-Tag schon ohne Probleme abschalten, wenn er am nächsten Morgen wieder Vollgas geben muss? „Ich renne den ganzen Tag für andere Leute und tue Dinge, die mich entweder völlig überfordern oder stehe mit meinem Gewissen in Konflikt.“ Für Maria sind die Kopfschmerzen das Schlimmste. Oft spüre sie schon Schmerzen, wenn sie morgens aufwacht und nur daran denkt, „was für ein Kack-Tag sie erwartet“.

„Irgendwann wird es einem einfach scheißegal“
Hört man Maria zu, stellt sich einem die Frage, warum sie diesen Job überhaupt macht und wie sie – und natürlich viele andere Nachwuchsärzte – das alles mit ihrem Gewissen vereinbaren können. „Willst du die ehrliche Antwort hören?“, fragt sie im NEON-Gespräch. Natürlich wollen wir die ehrliche Antwort. Und Maria nimmt kein Blatt vor den Mund: „Irgendwann wird es einem einfach scheißegal. So hart es klingt, man lernt im Praxisjahr auf jeden Fall, sich selber höher und andere tiefer zu stellen. Man verliert leider den Idealismus an den Arztberuf.“ Das liege ganz entscheidend auch am Mangel der Ausbildung. „Man bringt uns wenig bei und lässt uns trotzdem arbeiten“, so die 25-jährige Berlinerin. Weniger aus Trotz, sondern vielmehr aus Vernunft sei es bei ihrer Arbeit deshalb auch schon vorgekommen, dass sie eine Behandlung abgelehnt hat. Wenn sie in Aufgaben nicht richtig eingewiesen wird, lehnt sie es konsequent ab, sie zu erledigen, sagt Maria. Und leider komme das viel zu häufig vor.

Wir haben einfach keine Lust mehr, uns verbraten zu lassen
Die Lehre ist schlecht, die Arbeitsbelastung hoch. Je länger Nachwuchsärztin Maria erzählt, desto deutlicher wird dieses Bild. Aber war früher wirklich alles besser? Oder ist der Ärztenachwuchs heute einfach nicht mehr belastbar? „Früher wurden PJler als Studenten gesehen. Da war es auch nicht so schlimm, wenn man mal gefehlt hat“, sagt Maria. Das sei heute ganz anders. Heute würden Medizinstudenten im Praxisjahr viel stärker in die Pflicht genommen. Die Erwartung sei ungleich höher.
Als Teil der Generation-Y ist Maria bestens über soziale Medien mit anderen Medizinstudenten vernetzt. Auch das sei ein Grund dafür, dass die Probleme heute stärker und offensiver angesprochen werden. Über Social-Media-Kanäle kann heute jeder seine Kritik äußern und verbreiten. „Wir haben einfach keine Lust mehr, uns verbraten zu lassen und vom Gesundheitssystem ausnehmen zu lassen“, sagt die 25-Jährige über ihre Generation. Deshalb erhebt sie ihre Stimme – auf der Straße mit Plakaten, online mit der Teilnahme an Petitionen oder am Telefon im NEON-Interview.

Es gab auch schöne Moment in Marias Praxisjahr
Obwohl Maria seit 14 Semestern Medizin studiert, ist sie nach eigener Aussage immer noch „nicht zu 110 Prozent sicher“, ob sie den Arztberuf wirklich ausüben möchte. „Ich bin aber zu 99,9 Prozent davon überzeugt, dem Beruf eine Chance zu geben.“ An einer Station in ihrem Praxisjahr habe sie nämlich auch erleben dürfen, wie schön der Job sein kann – wenn man vernünftig angelernt wird. Dann könne sie ihre Fähigkeiten dazu gebrauchen, anderen Menschen Gutes zu tun. „Wenn mir ein Patient die Hand schüttelt, sich bedankt und sagt, dass es ihm jetzt besser als vorher gehe, ist das ein bisschen wie eine Droge“, sagt Maria zum Abschluss des Gesprächs.

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